Buzzfeed bei Facebook

Facebook drückt die falschen Knöpfe

Facebook sagt „Buzzfeed“, „Heftig“ und Co. den Kampf an. Klickfänger-Beiträge sollen künftig abgestraft werden. Doch die Methoden des sozialen Netzwerks sind mehr als fragwürdig.

Eine Dankeswelle schwappt Facebook entgegen. Der Grund: das soziale Netzwerk will die Timelines der Nutzer zu einem Ort ohne Klickfänger-Überschriften machen. Es soll Schluss sein mit Heftigstyle, Clickbait-Beiträge sollen verbannt und Postings mit falschen Versprechungen abgestraft werden. Das sorgt für Erleichterung im Netz. „Endlich“, titelt „Mobilegeeks“ und freut sich auf die Sanktionen gegen „Buzzfeed“, „Heftig“ und Co. Und Daniel Fiene verkündet eine „gute Nachricht“ für die Nutzer in seinem Blog.

Der Schritt ist nachvollziehbar. Schließlich haben Clickbait-Portale wie „Buzzfeed“, „Upworthy“ und „Heftig“ die Lockmechanismen perfektioniert und mit Facebook die perfekte Plattform gefunden, um massenhaft neugierige Leser auf ihre Seiten zu locken. Dem sozialen Netzwerk schmeckt das gar nicht. Immer wieder schrauben die Entwickler an der Timeline der Nutzer, die Inhalte sind längst nicht mehr chronologisch aufgelistet, sondern von unzähligen Faktoren beeinflusst.

Doch nun verliert Facebook immer mehr die Kontrolle, während „Buzzfeed“ und Co. die Timelines übernehmen. Die Entwickler wirken beinahe hilflos, in der Mitteilung von Facebook heißt es: „Mit der Zeit verdrängen Clickbait-Überschriften den Inhalt von Freunden und Seiten aus der Timeline, für die sich die Nutzer wirklich interessieren.“  Nun sagt das soziale Netzwerk dem Heftigstyle den Kampf an.

Doch wie genau sollen die Übeltäter eigentlich enttarnt werden? Laut Facebook sollen die Statusmeldungen einzeln überprüft werden. Natürlich nicht manuell. Die Kontrolle übernimmt ein Algorithmus. Doch welche Kriterien zeichnet eine Klickopfer-Überschrift aus, die automatisch erkannt werden soll? Facebook erklärt in Ansätzen, was den Heftigstyle in einer Beitragsüberschrift auszeichnet:

1. Wenn die Nutzer auf einen Link klicken und unmittelbar danach zurück zu Facebook kommen, dann könne man davon ausgehen, dass sie nicht das gefunden haben, was sie gesucht haben.

2. Wenn viele Nutzer auf einen Link klicken, aber verhältnismäßig wenig Leser den Beitrag kommentieren oder mit „Gefällt mir“ markieren, dann geht man bei Facebook auch von Clickbait-Einträgen aus.

„Buzzfeed“ und Co. müssen keine Angst haben

Wie bitte? Beweise für Statusmeldungen im Heftigstyle sind also die Verweildauer auf dem Artikel und die „Gefällt mir“-Angaben unter dem Posting? Sprich: ein Facebook-Beitrag ist kein Klickfänger, wenn sich dahinter ein langer Text verbirgt, der den Leser bis zum Schluss fesselt. Das hat ziemlich wenig miteinander zu tun. Ein Beispiel: Redakteure teilen eine Eilmeldung bei Facebook und die Leser klicken auf den Link zur Meldung, die aus wenigen Sätzen besteht und den Kern der Nachricht transportiert. Ein kurzer Absatz, den man in wenigen Sekunden überflogen hat. Die Leser kehren also schnell wieder zurück zu Facebook. Nach der neuen Regel: klares Clickbaiting.

Das Portal „Heftig“ kommt da meist besser weg. Die Nutzer fragen sich, was wohl in diesem unglaublich rührenden Video passieren wird und klicken auf das Facebook-Posting. Auf dem Portal finden sie den eingebetteten Clip, den sie sich anschauen. Das dauert. Den Verweildauer-Wettbewerb hat „Heftig“ in diesem Fall also gewonnen. Mit Klickfängerei hat das reichlich wenig zu tun – und der Strafmechanismus trifft die Falschen.

Schauen wir uns das zweite Kriterium an, das Klickopfer-Beiträge identifizieren soll. Die Anzahl der „Gefällt mir“-Angaben und die Kommentare unter dem Facebook-Beitrag. Wenn es danach geht, dann müssen sich „Buzzfeed“, „Upworthy“ und „Heftig“ keine Sorgen machen. Die Beiträge der Portale zählen bis zu zehntausende Likes und Kommentare. Und die meisten dieser Nutzer werden den Artikel zuvor auch angeklickt haben. Denn das ist schließlich das Ziel der Heftigstyle-Headlines.

Logo von Heftig.co

Was wir von „Heftig.co“ lernen können

Das Lautsprecher-Portal „Heftig.co“ spaltet das Netz: während Leser eifrig die Inhalte bei Facebook und Twitter teilen, wenden sich einige Journalisten und Blogger angewidert ab. Doch das ist der falsche Weg.

Blogger und Journalisten sind genervt. Tobias Gillen fordert die Medien dazu auf, sofort mit der „Klicknutten-Prostitution“ aufzuhören. Julian Heck gehen die „verbuzzfeedeten und verheftigten Titel inzwischen kräftig auf die Eier“ und Thomas Knüwer stimmt ihm zu. Sprich: der #Heftigstyle geht vielen auf den Keks.

Doch warum eigentlich? Eine Antwort, die niemand so richtig geben kann. Sind die Teaser wirklich so „ausgelutscht, erwartbar, langweilig“, wie Julian Heck schreibt? Wenn es so wäre, könnte man in diesem Fall nicht einfach entspannt darüber hinweglesen? Ist es nicht eher der innere Kampf, der nervt: einerseits ahnt man bereits, dass der Text keine Tränen auslösen wird und der Inhalt alles andere als unglaublich oder unfassbar ist? Andererseits möchte man in vielen Fällen schon wissen, was sich hinter dem Versprechen verbirgt. Doch ist es wirklich die richtige Reaktion von Journalisten, sich genervt abzuwenden?

„Heftig“-Leser klicken nicht nur, sie teilen auch

Schließlich sind die Heftig-Teaser ziemlich erfolgreich. Klar, die Inhalte auf „Heftig.co“ haben recht wenig mit Journalismus zu tun und bieten höchstens einen gewissen Unterhaltungswert. Dennoch werden die Artikel massig geklickt. Und nicht nur das: die Leser schauen sich die Katzenbilder und Welpenvideos an – und teilen sie bei Facebook und Twitter. Die Leser belassen es also nicht dabei, ihre Neugier zu stillen. Sie setzen sich mit dem Artikel auseinander und empfehlen ihn weiter. Nur so lässt sich der Erfolg der Plattform erklären, die im April im Sharing-Wettbewerb alle großen Nachrichtenportale abgehängt hat. Die knapp 90 Artikel sind mehr als zwei Millionen Mal mit „Gefällt mir“ markiert und geteilt worden. Liegt das allein an den Inhalten?

Wohl kaum. „Heftig“ schafft es vor allem, die Leser dazu zu bewegen, den Artikel auch wirklich anzuklicken. Bei journalistischen Inhalten, die von den Medienhäusern bei Facebook oder Twitter geteilt werden, ist das längst nicht immer der Fall. Das zeigt der Aprilscherz des US-Rundfunksenders „NPR“. Die Redakteure hatten bei Facebook einen Artikel mit der provokanten Überschrift „Warum liest Amerika nicht mehr?“ gepostet. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. „Weil wir fett und dumm sind“, antwortete ein Nutzer, eine Leserin schrieb: „Ich lese jeden Tag.“ Doch viele haben den Artikel überhaupt nicht gelesen, sondern lediglich die Überschrift bei Facebook. Denn der Artikel selbst besteht aus wenigen Zeilen, in denen steht, dass die Leser den Artikel bitte auf keinen Fall kommentieren sollen.

Angewidert abwenden ist der falsche Weg

Vielleicht hat der „Heftig“-Gründer Michael Glöß ein Stück weit recht damit, wenn er im Interview mit der „Wirtschaftswoche“ sagt: „Tatsache ist aber, dass der klassische Journalismus und sogar die deutschen Boulevardmedien Millionen von Menschen gar nicht erreichen.“ Das sollten wir ändern, anstatt entnervt den Kopf zu schütteln und einfach weiterzumachen wie bisher. Natürlich kann die Lösung nicht sein, dass wir die Leser mit leeren Versprechungen in einen Text locken und ankündigen, dass Tränen fließen werden. Doch lasst uns experimentieren! Schließlich verbirgt sich durchaus journalistische Qualität hinter den meist ironischen Teaser-Experimenten, die sich hier im Tumblr versammelt haben. Es gibt auch einen Mittelweg.

Denn was beim Streit über die Teaser häufig unterschlagen wird: das „Heftig“-Stilmittel ist keineswegs neu. Dabei handelt es sich um nichts anderes, als um einen extrem überdrehten Cliffhanger. Ein Stilmittel, das Journalisten gerne mal im Vorspann einsetzen. Zum Beispiel hier, hier oder hier. Ein durchaus legitimes Mittel, um Leser in den Text zu ziehen. Die Motivation: wer mehr wissen will, muss den Artikel anklicken und lesen. Auf die Gefahr hin, dass der Leser enttäuscht ist von der Auflösung. Oder ist er das etwa gar nicht? Schließlich scheint es die Nutzer bei „Heftig“ kaum zu stören, dass sich ihr Leben nach dem zehnten Katzenvideo immer noch nicht grundlegend verändert hat.

Ein Hoax kommt ins Rollen

Farmville-Farmer zocken mit Pixelkühen die Europäische Union ab? Ein Bericht, der im Kern richtig ist, aber im Netz bis zur Falschmeldung zugespitzt wird. Die Geschichte einer seriös wirkenden Hoax-Lawine.

Es klingt zu gut um wahr zu sein: Farmer zocken mit virtuellen Kühen aus dem Browsergame Farmville die Europäische Union ab? Und kassieren Agrarsubventionen für Pixelkühe? Wenn das mal keine perfekte Geschichte ist. Ein schneller Gegencheck bei Google News um zu überprüfen, was die anderen so schreiben. Läuft. Mindestens 13 Online-Medien haben die gleiche Meldung auf ihrer Seite. Dann passiert es: die Falschmeldung macht ihre Runde durch das Netz.

Natürlich ist die Farmville-Geschichte zu falsch um wahr zu sein. Dennoch sind viele Medien darauf aufgesprungen, die Farmville-Meldung steht am Samstagvormittag noch immer hier, hier und hier. Auch der „Bayerische Rundfunk“ hatte den Bericht übernommen, mittlerweile aber auf den Fehler im Artikel hingewiesen. Andere Medien haben weniger souverän reagiert – und den den Inhalt einfach von der Seite gelöscht wie „Mobilegeeks“ und die „Huffington Post“.

Dabei ist der Kern der Geschichte offenbar ganz richtig. Die Betrüger-Bauern gibt es wirklich, aber mit Farmville hat der Fall wenig zu tun. Der Journalist Torsten Kleinz hat die ursprüngliche Quelle aus dem Netz gefischt, ein Text der rumänischen Online-Zeitung „Independent“. Darin ist noch keine Rede von Farmville. Erst bei diesem Text kommt Farmville in der Überschrift vor. Aber auch wirklich nur dort. Im Text ist davon nichts mehr zu lesen. Zugegeben, das ist nicht die feine Art. Im Bericht selbst hätte der Autor zumindest den Wortwitz noch einmal aufgreifen und erklären können.

Doch damit verwandelt sich der Artikel zur Falschmeldung. Von Text zu Text wird der Bauern-Betrug immer weiter zugespitzt  – bis schließlich der Inhalt nicht mehr richtig ist. Die Sprachbarriere und Google Translate erledigen den Rest. Das Problem: je mehr seriöse Medien auf die Geschichte aufspringen, desto glaubhafter wirkt die Story. Eine seriös wirkende Hoax-Lawine, die sich nur durch Recherche aufhalten lässt.

Doch welchen Quellen im Netz kann man vertrauen? In erster Linie hätte es geholfen, den Ursprung der Geschichte aufzustöbern. Doch in vielen Texten mit dem Farmville-Fehler war lediglich ein Verweis auf andere Medien mit dem gleichen Fehler zu finden. Der schnelle Blick auf Berichte der rumänischen Presse hätte die Falschmeldung auf vielen Seite wohl verhindert – aber eben auch die gute Geschichte zerstört.

Krautreporter

„Ganz schön viel Geld auf einmal“

So klappt es mit dem Crowdfunding: im Interview erklärt der Krautreporter-Gründer Sebastian Esser, welche journalistischen Projekte sich am besten mit Spenden finanzieren lassen. Und spricht darüber, warum er Daniel Bröckerhoff eine andere Strategie für das Projekt st_ry geraten hätte.

Sebastian Esser, der Gründer von Krautreporter

Sebastian Esser, der Gründer von Krautreporter, Foto: privat

Nur 3 von 23 Projekten sind bisher bei Krautreporter gescheitert. Keine schlechte Quote.

Das liegt vielleicht daran, dass wir die Ideen filtern. Ich rede mit den Journalisten, die bei uns Projekte starten möchten. Manchmal merken wir bei diesen Gesprächen, dass die Aussicht auf Erfolg sehr gering ist. Dann rate ich vom Crowdfunding ab.

Gibt es eine Formel für ein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt?

Es hilft, wenn man schon eine Community mitbringt. Die Chance auf ein erfolgreich finanziertes Projekt ist groß, wenn man 10.000 Follower bei Twitter hat und eine Facebook-Seite mit 5000 Fans, die sich für das Thema interessieren. Man muss denken wie ein Marketing-Mensch. Wenn jemand 2000 Euro sammeln will, dann ist es zum Beispiel sinnvoll, die Summe – wie im Supermarkt – stattdessen auf 1900 Euro zu senken. So blöd man sich als Journalist bei so etwas auch vorkommt.

Der Journalist Daniel Bröckerhoff will 42.000 Euro sammeln für sein Crowdfunding-Projekt bei Startnext. Ist das ein realistisches Ziel?

Ich finde, Daniel ist ein guter Typ und sein Projekt ist interessant. Er hat ein großes Netzwerk und somit die besten Voraussetzungen. Allerdings ist das ganz schön viel Geld auf einmal. Ich hätte ihm geraten, das Projekt aufzuteilen. Lieber erstmal eine Folge für 7000 Euro finanzieren. Wenn dieser Betrag schnell zusammenkommt, kann man fragen: Wollt Ihr noch eine Folge mehr? Bei einem kleineren Budget hat die Community, die um so ein Projekt herum entsteht, nach kurzer Zeit schon ein Erfolgserlebnis und unterstützt das Projekt weiter.

Gibt es dafür ein positives Beispiel?

Bei Dirk von Gehlen war es so. Er hatte die 5000 Euro bereits nach einigen Tagen zusammen. Dann hat er das Projekt mit sogenannten Stretch Goals ausgebaut: Für 10.000 Euro hat er den Fans versprochen, mehr Bilder einzubauen und aufwändiger zu drucken. Als die erreicht waren, sollte noch ein Hörbuch dazu kommen. Am Ende waren es mehr als 14.000 Euro. Auch bei „ Jung & naiv“ hat das gut geklappt. 2000 Euro wollte Tilo, jetzt hat er knapp 6000 zusammenbekommen. Obwohl er überhaupt kein großes Marketing betrieben hat. Er hat lediglich am Ende seiner Videos auf das Projekt hingewiesen. Ganz viele Leute haben 5 oder 10 Euro in den Pott geworfen. Geld wird dabei zum Kommunikationsmedium. Die Unterstützer beteiligen sich – je nach Einkommen – in unterschiedlicher Höhe, um ihre Unterstützung auszudrücken. Es gibt Unterstützer, denen ein Projekt mehr als tausend Euro wert war.

Ist es also sinnvoll, die Schwelle von Beginn an niedrig anzulegen?

Absolut. Es ist für viele Unterstützer spannender, wenn das Ziel in erreichbarer Nähe ist. 42.000 Euro sind weit weg von der Lebenswirklichkeit der meisten Leute. Da ist die Hemmschwelle groß. Man fühlt sich als Unterstützer nicht wichtig.

Welche Projekte laufen bei Krautreporter am besten?

Es ist einfacher, wenn es ein analoges, anfassbares Produkt gibt. Zum Beispiel 39Null, ein südtiroler Kulturmagazin. Das Crowdfunding ist dann eine Art Vorbestellung: Die Unterstützer wissen, sie bekommen irgendwann etwas zugeschickt. Auch die Freischreiber machen das mit ihrer „Freienbibel“ richtig. Sie sagen ganz klar, dass es das Buch nicht im Handel geben wird. Damit erzeugen sie Dringlichkeit. Wer ein Exemplar will, der muss jetzt das Projekt unterstützen.

Muss das Produkt also exklusiv sein für die Unterstützer?

Nicht unbedingt. Die meisten Krautreporter stellen das Ergebnis ihres Projekts frei zugänglich online zur Verfügung. Unterstützer zahlen jedoch ungern Honorare. Sie wollen nicht Arbeitgeber sein, sondern Journalismus-Ermöglicher. Besser ist es, um Finanzierung der Spesen, Reisekosten und so weiter zu bitten.

Welche Prämien bieten sich für die Supporter an?

Je besser die Prämien sind, desto leicht er ist es, das Finanzierungsziel zu erreichen. Wenn man 5000 Euro braucht, ist es egal, ob es 500 Leute sind, die 10 Euro zahlen, oder 50 Leute, die 100 Euro zahlen. Wichtiger als die richtigen Prämien auszuwählen ist es, dass die Unterstützer sich nicht nur finanziell beteiligen können, sondern auch mit Wissen, Ideen oder Kontakten. Dann ist Journalismus-Crowdfunding auf einmal viel mehr als nur Finanzierung. Es entsteht eine Beziehung zum Leser, ein Dialog, der die journalistische Arbeit im Austausch mit der Community emotional auflädt. Dabei lernt man als Journalist viel dazu.

ard

Der Rundfunkbeitrag zahlt sich aus

Nein, ich unterschreibe ganz gewiss nicht. Auch nicht, wenn die wütenden Protest-Links weiterhin täglich durch meine Facebook-Timeline rutschen. Der Grund ist ganz einfach: Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen will, ist offenbar zufrieden mit der politischen Berichterstattung auf RTL II. Leider gibt es offenbar einige Fernsehzuschauer, die das sind. Sie haben ihre digitale Unterschrift unter Online-Petitionen gesetzt, die dafür plädieren, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich durch Werbung finanzieren soll – oder gar komplett eingestellt wird. Anlass ist der Rundfunkbeitrag, den vom 1. Januar 2013 an alle Haushalte bezahlen müssen. Egal, ob sie ein Radio, einen Fernseher oder gar kein Empfangsgerät besitzen.

Glücklicherweise unterstützt bisher lediglich eine überschaubare Menge von 2500 Menschen einen Antrag bei Openpetition. Und auch die etwas mehr als 9000 Unterschriften auf der Seite Online-Boykott sind nicht sonderlich besorgniserregend. Doch es gibt offenbar einige Fernsehzuschauer, die am Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zweifeln. Eine Begründung der Initiatoren lautet: „Eine große Reform des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags ist dringend notwendig. Öffentlich rechtliche Sender müssen sich nach dem Pay-TV Prinzip oder durch Werbeeinnahmen finanzieren.“

Eben nicht. Denn erst die Gebühren ermöglichen es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sich privatwirtschaftlich vollständig abzukoppeln. Der Rundfunk in Deutschland ist nach dem Vorbild der British Broadcasting Corporation (BBC) aufgebaut worden, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Großbritannien. Einige Jahre lang war auch die BBC ein privates Unternehmen. Doch nach etlichen Versuchen der Wirtschaft, das BBC-Programm zu beeinflussen, ist die Sendergruppe zu einem Bürger-Rundfunk umfunktioniert wurde. Finanziert durch Bürger, nicht durch Werbung. Der Fall des CSU-Sprechers Hans Michael Strepp zeigt, dass die politische Unabhängigkeit in Deutschland gut funktioniert. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Möglich macht das der Rundfunkbeitrag.

Auf einem guten Weg mit Roche & Böhmermann

Ja, 17,98 Euro im Monat sind nicht gerade wenig. Vor allem für Bürger mit geringen finanziellen Mitteln. Und ja, Produktionen wie der „Tatort“ und mittlerweile auch „Wetten, dass..?“ sind nicht immer ihr Geld wert. Vermutlich wird Pro Sieben auch in Zukunft die innovativeren Live-Sendungen produzieren. Denn dabei geht es vor allem um die Quote. Allerdings gilt das für alle Sendungen. Eben auch für die politische Berichterstattung. Für die ARD und das ZDF zählt diese Berichterstattung zur Grundversorgung. Die öffentlich-rechtlichen Sender können sich das erlauben, weil sie eben nicht vor der Quote abhängig sind. Sie leisten sich eine ausführliche Berichterstattung und greifen dabei auf ein großes Netz an Korrespondenten zurück. Und das wirkt sich auch auf die Privaten aus, die sich an dieser Berichterstattung orientieren müssen. Nimmt man die öffentlich-rechtlichen Sender aus diesem Kreislauf heraus, funktioniert das System nicht mehr.

Und es sieht so aus, als wären die Öffentlich-Rechtlichen auch bei der Unterhaltung auf einem guten Weg. Zumindest, wenn man sich die ZDF-Formate anschaut. Die Spartenkanäle des Senders zeigen, wie es funktionieren kann. Dort laufen bereits viele frische Formate wie „Neo Paradise“ und erstklassige Talksendungen wie „Roche & Böhmermann„. Ja, und auch die „Rundshow“ im Bayerischen Rundfunk hätte es in dieser Form wohl nicht gegeben, genau wie experimentelle Formate wie „Durch die Nacht mit“ auf Arte.

Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen zu wollen, ist keine gute Idee. Es sind Sender, die den Bürgern gehören. Und der Rundfunkbeitrag zahlt sich aus. Damit investiert man in eine unabhängige Berichterstattung, von der letzlich alle Medien profitieren.