Interview mit "Krautreporter"-Gründer

“Ganz schön viel Geld auf einmal”

Von Jörg, 21.05.2013 | 6 Kommentare » |
Krautreporter

So klappt es mit dem Crowdfunding: im Interview erklärt der Krautreporter-Gründer Sebastian Esser, welche journalistischen Projekte sich am besten mit Spenden finanzieren lassen. Und spricht darüber, warum er Daniel Bröckerhoff eine andere Strategie für das Projekt st_ry geraten hätte.

Sebastian Esser, der Gründer von Krautreporter

Sebastian Esser, der Gründer von Krautreporter, Foto: privat

Nur 3 von 23 Projekten sind bisher bei Krautreporter gescheitert. Keine schlechte Quote.

Das liegt vielleicht daran, dass wir die Ideen filtern. Ich rede mit den Journalisten, die bei uns Projekte starten möchten. Manchmal merken wir bei diesen Gesprächen, dass die Aussicht auf Erfolg sehr gering ist. Dann rate ich vom Crowdfunding ab.

Gibt es eine Formel für ein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt?

Es hilft, wenn man schon eine Community mitbringt. Die Chance auf ein erfolgreich finanziertes Projekt ist groß, wenn man 10.000 Follower bei Twitter hat und eine Facebook-Seite mit 5000 Fans, die sich für das Thema interessieren. Man muss denken wie ein Marketing-Mensch. Wenn jemand 2000 Euro sammeln will, dann ist es zum Beispiel sinnvoll, die Summe – wie im Supermarkt – stattdessen auf 1900 Euro zu senken. So blöd man sich als Journalist bei so etwas auch vorkommt.

Der Journalist Daniel Bröckerhoff will 42.000 Euro sammeln für sein Crowdfunding-Projekt bei Startnext. Ist das ein realistisches Ziel?

Ich finde, Daniel ist ein guter Typ und sein Projekt ist interessant. Er hat ein großes Netzwerk und somit die besten Voraussetzungen. Allerdings ist das ganz schön viel Geld auf einmal. Ich hätte ihm geraten, das Projekt aufzuteilen. Lieber erstmal eine Folge für 7000 Euro finanzieren. Wenn dieser Betrag schnell zusammenkommt, kann man fragen: Wollt Ihr noch eine Folge mehr? Bei einem kleineren Budget hat die Community, die um so ein Projekt herum entsteht, nach kurzer Zeit schon ein Erfolgserlebnis und unterstützt das Projekt weiter.

Gibt es dafür ein positives Beispiel?

Bei Dirk von Gehlen war es so. Er hatte die 5000 Euro bereits nach einigen Tagen zusammen. Dann hat er das Projekt mit sogenannten Stretch Goals ausgebaut: Für 10.000 Euro hat er den Fans versprochen, mehr Bilder einzubauen und aufwändiger zu drucken. Als die erreicht waren, sollte noch ein Hörbuch dazu kommen. Am Ende waren es mehr als 14.000 Euro. Auch bei „ Jung & naiv“ hat das gut geklappt. 2000 Euro wollte Tilo, jetzt hat er knapp 6000 zusammenbekommen. Obwohl er überhaupt kein großes Marketing betrieben hat. Er hat lediglich am Ende seiner Videos auf das Projekt hingewiesen. Ganz viele Leute haben 5 oder 10 Euro in den Pott geworfen. Geld wird dabei zum Kommunikationsmedium. Die Unterstützer beteiligen sich – je nach Einkommen – in unterschiedlicher Höhe, um ihre Unterstützung auszudrücken. Es gibt Unterstützer, denen ein Projekt mehr als tausend Euro wert war.

Ist es also sinnvoll, die Schwelle von Beginn an niedrig anzulegen?

Absolut. Es ist für viele Unterstützer spannender, wenn das Ziel in erreichbarer Nähe ist. 42.000 Euro sind weit weg von der Lebenswirklichkeit der meisten Leute. Da ist die Hemmschwelle groß. Man fühlt sich als Unterstützer nicht wichtig.

Welche Projekte laufen bei Krautreporter am besten?

Es ist einfacher, wenn es ein analoges, anfassbares Produkt gibt. Zum Beispiel 39Null, ein südtiroler Kulturmagazin. Das Crowdfunding ist dann eine Art Vorbestellung: Die Unterstützer wissen, sie bekommen irgendwann etwas zugeschickt. Auch die Freischreiber machen das mit ihrer „Freienbibel“ richtig. Sie sagen ganz klar, dass es das Buch nicht im Handel geben wird. Damit erzeugen sie Dringlichkeit. Wer ein Exemplar will, der muss jetzt das Projekt unterstützen.

Muss das Produkt also exklusiv sein für die Unterstützer?

Nicht unbedingt. Die meisten Krautreporter stellen das Ergebnis ihres Projekts frei zugänglich online zur Verfügung. Unterstützer zahlen jedoch ungern Honorare. Sie wollen nicht Arbeitgeber sein, sondern Journalismus-Ermöglicher. Besser ist es, um Finanzierung der Spesen, Reisekosten und so weiter zu bitten.

Welche Prämien bieten sich für die Supporter an?

Je besser die Prämien sind, desto leicht er ist es, das Finanzierungsziel zu erreichen. Wenn man 5000 Euro braucht, ist es egal, ob es 500 Leute sind, die 10 Euro zahlen, oder 50 Leute, die 100 Euro zahlen. Wichtiger als die richtigen Prämien auszuwählen ist es, dass die Unterstützer sich nicht nur finanziell beteiligen können, sondern auch mit Wissen, Ideen oder Kontakten. Dann ist Journalismus-Crowdfunding auf einmal viel mehr als nur Finanzierung. Es entsteht eine Beziehung zum Leser, ein Dialog, der die journalistische Arbeit im Austausch mit der Community emotional auflädt. Dabei lernt man als Journalist viel dazu.


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6 Antworten zu ““Ganz schön viel Geld auf einmal””

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  5. Martin Hark sagt:

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich beschäftige mich gerade auch intensiv mit dem Thema der Finanzierung . Finanzierung stellt in erster Linie die Strategie zur Geldmittelaufbringung dar. Es gibt verschiedenste Arten und Formen der Finanzierung. In Unternehmungen kann ein gezieltes Finanzierungsmanagement maßgeblich zur Gesamtunternehmenszielerreichung beitragen. Finanzierung ist nicht immer mit der Aufnahme von Fremdkapital verbunden, vielmehr geht es darum, Prozesse zu optimieren und gezielte Möglichkeiten in der Unternehmenssteuerung auszunützen. Schlussendlich stellt der Bereich der Finanzierung Liquidität zur Verfügung, welche zeitglich die Grundlage für wirtschaftliches Handeln darstellt.

  6. Bzgl. des Projektes St_ry wurde hier glaube ich etwas zu kurz gedacht. Der Tipp von Esser ist trivial. So trivial, dass man davon ausgehen kann, dass ein solcher Tipp in jeder Crowdfunding-Beratung einen Stellenwert einnimmt.

    Dass Bröckerhoff diesen Tipp nicht befolgt hat, muss also einen Grund haben. Der Grund ist auch nachvollziehbar. Bröckerhoff will ein reales Szenario im Crowdfunding testen. Das Projekt beschreibt eine hochwertige Produktion, die umfänglich ist. Eine Minimalversion davon, auch als Vorgeschmack, war nicht im Sinne des Projektes. Das Scheitern war somit einkalkuliert. Bröckerhoff ist sogar soweit gegangen, dass die besagte 1. Episode bereits ohne Mittel der Crowd vorfinanziert worden ist.
    Tatsächlich ist es so, dass das Ziel sehr ambitioniert ist und der Grund für das Scheitern an mehreren Stellen zu suchen ist.

    Gut ist, dass Bröckerhoff sich nicht der Verlockung unterworfen hat, sein Projekt an die äußeren Bedingungen angepaßt hat. Das hat Format. Ärgerlich ist dennoch, dass es dadurch erstmal nicht umgesetzt wird. Eine stufenweise Finanzierung, hätte das Projekt sicher eher möglich gemacht.

    Das Projekt Störsender.tv zeigt aber mit 155.000€ das solche Summen möglich sind und keine reine Utopie.

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