Teaser-Debatte

Was wir von “Heftig.co” lernen können

Von Jörg, 5.06.2014 | 3 Kommentare » |
Logo von Heftig.co

Das Lautsprecher-Portal “Heftig.co” spaltet das Netz: während Leser eifrig die Inhalte bei Facebook und Twitter teilen, wenden sich einige Journalisten und Blogger angewidert ab. Doch das ist der falsche Weg.

Blogger und Journalisten sind genervt. Tobias Gillen fordert die Medien dazu auf, sofort mit der „Klicknutten-Prostitution“ aufzuhören. Julian Heck gehen die „verbuzzfeedeten und verheftigten Titel inzwischen kräftig auf die Eier“ und Thomas Knüwer stimmt ihm zu. Sprich: der #Heftigstyle geht vielen auf den Keks.

Doch warum eigentlich? Eine Antwort, die niemand so richtig geben kann. Sind die Teaser wirklich so „ausgelutscht, erwartbar, langweilig“, wie Julian Heck schreibt? Wenn es so wäre, könnte man in diesem Fall nicht einfach entspannt darüber hinweglesen? Ist es nicht eher der innere Kampf, der nervt: einerseits ahnt man bereits, dass der Text keine Tränen auslösen wird und der Inhalt alles andere als unglaublich oder unfassbar ist? Andererseits möchte man in vielen Fällen schon wissen, was sich hinter dem Versprechen verbirgt. Doch ist es wirklich die richtige Reaktion von Journalisten, sich genervt abzuwenden?

“Heftig”-Leser klicken nicht nur, sie teilen auch

Schließlich sind die Heftig-Teaser ziemlich erfolgreich. Klar, die Inhalte auf “Heftig.co” haben recht wenig mit Journalismus zu tun und bieten höchstens einen gewissen Unterhaltungswert. Dennoch werden die Artikel massig geklickt. Und nicht nur das: die Leser schauen sich die Katzenbilder und Welpenvideos an – und teilen sie bei Facebook und Twitter. Die Leser belassen es also nicht dabei, ihre Neugier zu stillen. Sie setzen sich mit dem Artikel auseinander und empfehlen ihn weiter. Nur so lässt sich der Erfolg der Plattform erklären, die im April im Sharing-Wettbewerb alle großen Nachrichtenportale abgehängt hat. Die knapp 90 Artikel sind mehr als zwei Millionen Mal mit „Gefällt mir“ markiert und geteilt worden. Liegt das allein an den Inhalten?

Wohl kaum. „Heftig“ schafft es vor allem, die Leser dazu zu bewegen, den Artikel auch wirklich anzuklicken. Bei journalistischen Inhalten, die von den Medienhäusern bei Facebook oder Twitter geteilt werden, ist das längst nicht immer der Fall. Das zeigt der Aprilscherz des US-Rundfunksenders „NPR“. Die Redakteure hatten bei Facebook einen Artikel mit der provokanten Überschrift „Warum liest Amerika nicht mehr?“ gepostet. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. „Weil wir fett und dumm sind“, antwortete ein Nutzer, eine Leserin schrieb: „Ich lese jeden Tag.“ Doch viele haben den Artikel überhaupt nicht gelesen, sondern lediglich die Überschrift bei Facebook. Denn der Artikel selbst besteht aus wenigen Zeilen, in denen steht, dass die Leser den Artikel bitte auf keinen Fall kommentieren sollen.

Angewidert abwenden ist der falsche Weg

Vielleicht hat der „Heftig“-Gründer Michael Glöß ein Stück weit recht damit, wenn er im Interview mit der „Wirtschaftswoche“ sagt: „Tatsache ist aber, dass der klassische Journalismus und sogar die deutschen Boulevardmedien Millionen von Menschen gar nicht erreichen.“ Das sollten wir ändern, anstatt entnervt den Kopf zu schütteln und einfach weiterzumachen wie bisher. Natürlich kann die Lösung nicht sein, dass wir die Leser mit leeren Versprechungen in einen Text locken und ankündigen, dass Tränen fließen werden. Doch lasst uns experimentieren! Schließlich verbirgt sich durchaus journalistische Qualität hinter den meist ironischen Teaser-Experimenten, die sich hier im Tumblr versammelt haben. Es gibt auch einen Mittelweg.

Denn was beim Streit über die Teaser häufig unterschlagen wird: das „Heftig“-Stilmittel ist keineswegs neu. Dabei handelt es sich um nichts anderes, als um einen extrem überdrehten Cliffhanger. Ein Stilmittel, das Journalisten gerne mal im Vorspann einsetzen. Zum Beispiel hier, hier oder hier. Ein durchaus legitimes Mittel, um Leser in den Text zu ziehen. Die Motivation: wer mehr wissen will, muss den Artikel anklicken und lesen. Auf die Gefahr hin, dass der Leser enttäuscht ist von der Auflösung. Oder ist er das etwa gar nicht? Schließlich scheint es die Nutzer bei „Heftig“ kaum zu stören, dass sich ihr Leben nach dem zehnten Katzenvideo immer noch nicht grundlegend verändert hat.


Journalismus

3 Antworten zu “Was wir von “Heftig.co” lernen können”

  1. Lieber Jörg,

    vielen Dank für deine Antwort.

    Ich möchte ja gar nicht, dass wir weitermachen wie bisher oder aufhören, zu experimentieren. Was mich stört, ist, dass viele Kollegen angewidert sind von Überschriften / Teasern / Zahlen von heftig.co – und im Gegenzug selbst versuchen, damit Klicks zu generieren. Mich stört das fehlende Rückgrat und dieses ironische Hintertürchen, das sich manche offenhalten.

    Mal ganz davon abgesehen, dass ich und – das zeigen die Reaktionen auf meinen Text (http://www.tobiasgillen.de/heftigstyle-clickbait-medien/) – ziemlich viele Leser tatsächlich genervt sind von diesen überdrehten Cliffhangern.

    Ich jedenfalls möchte nicht Portalen wie heftig.co hinterhereifern. Warum schaffen wir Journalisten es nicht mal, etwas eigenes zu finden? Warum müssen wir uns dermaßen anbieten? Reicht Qualität nicht mehr? Und warum muss das ZDF bei einem Thema wie dem “Anti-Homo-Gesetz” in Uganda einen überdrehten Cliffhanger einbauen?

    Ich gebe zu: Vielleicht bin ich in meinem Text ein bisschen radikal und sollte mehr Experimentierfreude “zulassen”. Aber er spiegelt meine Gefühlslage wieder – und die ist momentan eben ziemlich genervt vom Heftigstyle bei deutschen Medien.

    Liebe Grüße,
    Tobias

  2. Jörg sagt:

    Hi Tobias,

    danke für das Feedback. Ja, du hast vollkommen recht. “Heftig” zu kopieren darf auf keinen Fall das Ziel sein. Allerdings bin ich überzeugt davon, dass wir von Heftig, Buzzfeed und Upworthy lernen können, wie wir Lesern die Inhalte bei Facebook und Co. schmackhaft machen können.

    Bis das klappt, muss viel experimentiert werden. Und leider gehen dabei auch viele Versuche komplett in die Binsen, wie dieses CNN-Beispiel zeigt: https://twitter.com/cnnbrk/status/426265271914205184

    Wir müssen einen eigenen Weg finden, ohne unsere Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das wird an der einen oder anderen Stelle uns und unsere Leser nerven und teilweise schmerzhaft daneben gehen. Aber abbrechen dürfen wir die Versuche meiner Meinung nach nicht.

    Viele Grüße,

    Jörg

  3. ATM sagt:

    Gab es bei den Beispielen für Cliffhanger keine älteren, passenden Beispiele? Wenn illustriert werden soll, daß dieses Stilmittel schon “länger” eingesetzt wird, ist eine Beispielsammlung aus dem aktuellen Monat nicht besonders nützlich.

    Letztlich ist heftig eine Seite zur seichten Unterhaltung. Wer schlichte Fakten und Informationen sucht und sich ein Bild von einem Ereignis machen will, wird dazu nicht heftig ansteuern. MMn werden ganz unterschiedliche Bedürfnisse des Lesers bedient, so daß ein Vergleich oder eine Übertragung des Stils auf andere Portale nur äußerst eingeschränkt möglich ist.

    Ernsthafter Journalismus muß sich von heftig nicht angewidert abwenden. Er tut aber gut daran, sich ein paar sofort offensichtliche Unterscheidungsmerkmale zu bewahren. Klickzahlen sind für sich genommen ohnehin kein Indikator dafür, wie gut ein Artikel beim Publikum ankommt.

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